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Förderung der Psychoanalyse

Balint Stiftung

Lehrbuch der Psychoanalytischen Therapie

Band 1: Grundlagen

Verlag und Auflage

Springer, Berlin Heidelberg New York Tokyo, 1985

1. korr. Nachdruck 1986
2. korr. Nachdruck 1987

Zweite Auflage 1996

Dritte Auflage 2006

Förderer

Abteilung Psychotherapie, Universität Ulm

Kommentar

Zwischen Rigidität und Anarchie

Frankfurter Allgemeine Zeitung 10/1986

Wer sich über den Stand der psychoanalytischen Theorie und Technik informieren will, kommt um dieses großangelegte Lehrbuch nicht herum: es stellt eine "summa" dar, eine Zusammenfassung der internationalen Diskussion, der Entwicklungsgeschichte der Psychoanalyse, eine Sichtung der Schritte der Entdeckungen, der Kodifizierungen, der Verhärtungen, der Flügelkämpfe, des Schwankens zwischen "Beharrung und Revolte". Dabei kommt die Revolte vielleicht etwas zu kurz, dafür wird mit um so größerer Gelassenheit diskutiert, warum Psychoanalyse nahe daran war und vielleicht immer noch ist, zu einem Regelsystem zu entarten, bei dem die Idealisierung der einmal festgelegten Standard-Methode massive Denkhemmungen setzte und das Zelebrieren der Methode fast wichtiger war als die Bedürfnisse des Patienten. Die Stellung der deutschen Psychoanalyse nach dem Zweiten Weltkrieg war vor allem deshalb schwierig, weil, gegen zähe Vorbehalte, erst einmal wieder der Anschluß an die internationale Entwicklung gesucht werden mußte. Nicht umsonst betonen die Autoren: "Noch immer herrscht den Repräsentanten der internationalen Vereinigung gegenüber ... eine schülerhafte Einstellung mit Neigung zur Orthodoxie vor." Nun, das Lehrbuch stellt einen definitiven Schritt zur Mündigkeit und Erwachsenheit dar. Es ist aus gelassener, gelegentlich sogar humorvoller Distanz zur gräßlichen Bürokratisierung der psychoanalytischen Institutionen, des therapeutischen Settings wie des psychoanalytischen Denkens geschrieben, liberal, patienten- (statt methoden-)zentriert. Es zeigt, wie wissenschaftsfeindlich sich bestimmte sakrosankte Kodifizierungen ausgewirkt haben; wie sehr die "Ein-Personen-Psychologie", die fast alle Konflikte ins Innere des einzelnen Patienten verlegt, Grundphänomene in der Therapeut-Patient-Beziehung hat verkennen lassen, weil der Analytiker wie ein kontrolliert funktionierender Registrier- und Deutungsautomat gesehen wurde, angefüllt mit "gleichschwebender Aufmerksamkeit", Deutungen im Idealmoment absondernd, die beim Idealpatienten zu krankheitsverändernder Einsicht wurden.

Die Grundkrankheit der institutionalisierten Psychoanalyse ist die Idealisierung: der Methode, der Regeln, der eigenen Geschichte, des Offenbarers und der Art ihrer Tradierung. Genüßlich sagte einer der bekanntesten Theoretiker der Psychoanalyse, Otto Kernberg, über die Atmosphäre der Instituten vor wenigen Jahren: "In ihrer Struktur und Funktion gleichen psychoanalytische Institutionen eher Berufsschulen und theologischen Seminaren als Universitäten und Kunstakademien." Wenn dies so ist, dann schreiben Thomä und Kächele auch ein bedeutsames Stück psychoanalytischer Kirchengeschichte, von einem liberalen und aufgeklärten Standpunkt aus, der versucht, das Lebendige vom Dogmatischen zu scheiden. Die wichtigsten Punkte dabei sind: die Entdeckung der Wirkung der hinter allem Regelverhalten konkreten und lebendigen Person des Analytikers auf den Gang der Behandlung; die Wiedergewinnung einer gewissen spontanen Menschlichkeit, die nicht mit Willkür und Disziplinlosigkeit verwechselt werden darf. Denn: Psychoanalyse ist nicht nur "Wiederinszenierung" alter Konflikte, sie ist auch ein "Neulernen", eine Erfahrung, die den langsamen Aufbau kommunikativer Alternativen erlaubt. Man staunt, was die Autoren an Verfestigungen, Absurditäten, Erstarrungen ans Licht fördern. Ein starker, abgestandener Hauch von Überich, Rechtgläubigkeit und autoritärem Anspruch, zu wissen, was dem Patienten frommt, durchzieht die kaum hundertjährige Geschichte der Disziplin. Die einige Jahrzehnte "offene" Szene der Psychoanalyse geriet in den Bann eines Zunftwesens, das gelegentlich manieristische Formen annehmen konnte. Wer als Patient von der "Utopie des Deutungspurismus" profitieren, also am reinen Wort gesunden wollte, mußte sich wohl vorher in einen homo psychoanalyticus verwandeln, um den hohen Anforderungen einer glasperlenspielhaft verfeinerten und zugespitzten Methode zu genügen.

Thomä und Kächele diskutieren diese Entwicklungen und Fehlentwicklungen mit einer erstaunlichen Gelassenheit. Die Fülle ihres Materials ist imponierend. Insofern enthält das Lehrbuch auch ein Stück Kulturgeschichte, und nicht umsonst betonen die Autoren, daß es nicht nur für Fachleute, sondern auch für die gebildeten Laien und neugierigen Patienten geschrieben ist, denen manche Denkrichtungen früher noch das Lesen psychoanalytischer Bücher verbieten wollten, weil man dachte, der Blick hinter die Kulissen werde sofort als Widerstand und Barrikade benutzt. Der Autoritarismus hat nicht haltgemacht vor einer Wissenschaft, die auch angetreten war, um ihn zu entlarven. Das "Lehrbuch" ist nicht antiautoritär, aber liberal, von Neugier und Erstaunen getragen und nur noch in ganz milden Weihrauchduft gehüllt, der sonst eher in Schwanden über der "Bewegung" hing.

Tilmann Moser

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